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Katakombenheiliger Candidus

Beschreibung
Katakombenheiliger Candidus. Reliquiar in Form eines Schausarges mit Glasfront (2009.0001.1) und Deckel (2009.0001.2) vom linken Seitenalter der Kirche des Klosters Namen Jesu in Solothurn. Der Körper samt einer Vase als Grabbeigabe [als Blutgefäss interpretiert] stammt gemäss der vom Sakristan des Apostolischen Palastes Tommaso Cervioni (15.03.1672-09.01.1742) am 28. September 1740 ausgestellten Authentik im Archiv des Kloster Namen Jesu aus der Calixtus-Katakombe in Rom (Catacombe di San Callisto). Reich gefasstes Skelett in der Position eines "Schläfers" und gekleidet als römischer Legionär bzw. Miles Christi. Ein Schwert als Symbol für den gewaltsamen Tod sowie Palmwedel und Lorbeerkranz als Attribute eines Märtyrers. Die Knochen sind mit verleimter Gaze überzogen und der Körper reich mit Glassteinen, Granaten, Gold- und Silberfäden gefasst. Die Vase wurde im Zentrum unter einem Baldachin platziert. Schwertklinge datiert auf die Zeit des 30-jährigen Krieges, darauf ein Passauer Wolf als Schmiedemarke für Solingen. Griff 18. Jahrhundert. Die Gebeine des Candidus wurden am 27. Januar 1741 vom Probst des St. Ursenstifts und Generalvikar des Bistums Lausanne Georg Friedrich Sury rekognitiert. Anschliessend fassten die Schwestern des Klosters die Gebeine nach einer wahrscheinlich in einem anderen Kloster verfassten Anleitung "Beschreÿbung, wie der hl. Leib khönte gefasset werden" (Archiv Kloster Namen Jesu M118, III), die das Vorgehen Schritt für Schritt erklärt und auch Vorschläge für das Bildprogramm des Deckels liefert, welches auch tatsächlich umgesetzt wurde. Die ursprüngliche Fassung des Candidus ist nicht erhalten, da er am 10. Juli 1824 kurz nach 11 Uhr von einem Kugelblitz getroffen und versengt wurde. Es existiert aber eine Darstellung zur oben erwähnten "Beschreÿbung", die den Entwurf für die Erstfassung von 1741 zeigt. Die aktuelle Fassung des Heiligen stammt somit von 1824/25. Stadtarzt Urs Joseph Scheurer (1773-1828) untersuchte die Gebeine des Candidus während der Neufassung: "Herr Docktor Schürrer von Solothurn verlangte während der Zeit, als die Gebeine des hl. Candidus in der Kappelle war[en] den hl. Leib zu sehen. Er hat alles untersucht, u. hat gesagt, der hl. Candidus sei nicht älter als 15, höchstens 16 Jahr alt gewesen, als er gemartert worden sei. Hat ein 15 jähriger Jüngling so standhaft das Himmelreich errungen;" (JbSOG 2009, S. 148). Maria Apollonia Pfluger (1730- 1791), die Tochter des Solothurner Stadtarztes Urs Josef Pfluger (1698-1764), nahm bei ihrer Profess 1746 im Kloster Namen Jesu den Namen Mara Candida Aloysia an und nahm damit höchstwahrscheinlich Bezug auf Candidus (StASO, Rechnung des Klosters Namen Jesu 1746/1747). Ein gedrucktes Gebet an Candidus hat sich erhalten (2009.0001.3). Für das Jahr 1792 ist ein schönes Beispiel für eine Fürbitte an Candidus in der Klosterchronik dokumentiert. Maria Jokobea Pfyffer Feer bat um Hilfe für Ihr Zahnleiden, welches von Spitalchirurg Johann Leonhard Reuschlin (1790-1831) in Solothurn behoben werden konnte (JbSOG 2009, S. 227f.) Der Festtag des Heiligen Candidus war der 10. Oktober (JbSOG 2009: S. 148). Ob die Schwestern bei der Namensgebung mitwirken konnten, ist nicht bekannt. Es ist jedoch denkbar, dass bei der Namensgebung des Katakombenheiligen Bezug auf den Heiligen Candidus von Martigny genommen wurde und damit auf einen Thebäerheiligen. Ein Partikel des Candidus wurde in das Vortragkreuz der Schwestern von Namen Jesu (2009.0003) aufgenommen, das zwischen 1730 und 1735 entstanden ist. Wann genau lässt sich nicht sagen. Eine Möglichkeit wäre zur Zeit der Neufassung des Candidus 1824/1825. Im Mai 2013 wurde der Katakombenheilige Candidus von Amelie Alterauge, Negahnaz Moghaddam, Thomas Becker und Sandra Lösch vom Anthropologischen Institut der Universität Bern untersucht. Für diese Untersuchungen wurden von Candidus Röntgenbilder erstellt sowie für eine C14-Datierung und eine Isotopenanalyse dessen rechter Speichenknochen entfernt. Es stellte sich heraus, dass es sich bei Candidus um ein männliches Skelett handelt, das bis auf wenige Knochen an den Hand- und Fussgelenken komplett ist. Die Knochen passen in ihrer Grösse und Ausformung zusammen. Fremdknochen wurden keine festgestellt. Die Knochen wurden von den Schwestern anatomisch korrekt zusammengestellt. Die wenigen fehlenden Knochen wurden mit geschnitzten Holzteilen ergänzt, der fehlende Backenzahn mit einem Stück Stein. Der unbekannte Mann lebte im Zeitraum der Jahre 259 bis 415, stammte aus der Region von Rom, war 166.7 (+/- 4.8) cm gross und zum Zeitpunkt ihres Todes 20 bis 40 Jahre alt. Die Knochen zeigen keine krankhaften Veränderungen. Die Person verlor einzig den oberen rechten Backenzahn zu Lebzeiten. Sie ernährte sich weitgehend vegetarisch mit etwas Süsswasserfisch, was auf einen eher tiefen sozialen Status hinweist. Die in der Authentik von 1740 postulierte Provenienz der Gebeine aus der Calixtus-Katakombe in Rom ist somit glaubhaft. Unbekannt bleibt der eigentliche Name des Mannes, dessen Biografie und letztlich auch dessen Religionszugehörigkeit. Für einen gewaltsamen Tod spricht nichts. 1971 wurde der Katakombenheilige im Rahmen einer Purifizierung aus der Klosterkirche entfernt. Die Schwestern lagerten Candidus zusammen mit der Katakombenheiligen Clara (2009.0002) im Estrich ein und bewahrten so beide ohne weitere Veränderung. 2008 überliessen die Schwestern die beiden Katakombenheiligen dem Museum Blumenstein als Schenkung.
Datierung
1740 1741
Material / Technik
Holz, Bein, Textilien, Glas, Silber- und Goldfäden
Maße
Höhe x Breite x Tiefe : 151.0 x 212.0 x 63.0 cm
Inventarnummern
2009.0001.1
Inschrift
Beschriftung: [Kartusche oben:] Sts / Candidus / mart [Kartusche unten:] Ora / pro / nobis