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Kapitel-Schrank des Probsts des St. Ursenstifts Wolfgang Gibelin
Beschreibung
Kapitel-Schrank, Nussbaum, reich beschnitzt. Sockel: Fabelwesen. Zweitürig, rechts: neues Testament, Christus, links: altes Testament.
Als Karyatiden: in der Mitte: St. Mauritzius, links: St. Urs, rechts: St. Viktor.
Giebel: Engelsköpfe, in der Mitte: Wappen des Stiftpropstes Wolfgang Gibelin als Pronotarius Apostolicus (1631-1649): Türen ohne Schloss, aber mit Verriegelung am linken Türflügel.
Wappen: Malteserkreuz auf 9-fach schräglinksgeteiltem Feld. Wappenzier: Hut.
Tatarinoff, Eugen 1902: Ein Gang durch die historisch-antiquarische Abteilung. In: Denkschrift zur Eröffnung von Museum und Saalbau der Stadt Solothurn, S. 184ff:
"An der Querwand, Front gegen Osten, steht der grosse schöne sog. Kapitelkasten. Der Besteller und Besitzer dieses Kastens, der als Gewandkasten diente, ist, wie sich durch einen Vergleich von zerstreuten Notizen in den Stiftsprotokollen mit dem am obern Kranze angebrachten Wappen feststellen lässt, Probst Wolfgang Gibelin (1631-1649), päpstlicher Protonotarius. Der Schrank stand in der Propstei und war eingemauert. Nach dem Tode des Probstes erbte ihn dessen Vetter, Landvogt Dominicus Gibelin (1649 auf Thierstein). Im Jahre 1659 liess der Besitzer durch Chorherrn Stebler beim Kapitel den Antrag stellen, das Stück gegen einen Weiberstuhl für Helene Gibelin in St. Ursen auszutauschen; auch möge man ihm einen Grabstein bei seinen Vorfahren im Kreuzgang bewilligen. Der Kasten war aber den Chorherren (so viel galt damals ein Weiberstuhl!) nicht so viel wert; das Kapitel wollte dem Eigentümer nur den Stuhl bewilligen, nicht aber den Grabstein, das eine Familie allbereits zwei oder drei solcher Erinnerungszeichen besitze. Der alt-Landvogt erklärte sich schliesslich mit dem Kapitel einverstanden.
Vorderhand blieb der Schrank in der Propstei. Im Jahre 1674 wurde er in die obere Sakristei der St. Ursenkirche transportiert und bis zur Aufhebung des Stiftes als Archivschrank verwertet.
Im Jahre 1882 wurde das Erziehungs-Departement ermächtigt, den im Archiv des Kapitelhauses befindlichen altertümlichen Kasten in den Archäologischen Saal der Kantonsschulgebäudes zu verlegen und zweckentsprechend einrichten zu lassen. Er hat einen Schatzungswert von 2500 Fr.
Der Kasten ist zweithürig, mit drei Pfeilerreliefs. Links steht der h. Ursus, rechts der h. Victor und in der Mitte der h. Mauritius, alle mit Fahnen. Auf dem linken Thürflügel bemerken wir den Erzvater Abraham mit dem Messer am brennenden Altar, im Hintergrunde Isaak u. a. Darüber befindet sich in Cartouche die Inschrift TESTAMENTVM VETVS, rings um die Gestalt herum in teilweise symmetrischer Anordnung land- und hauswirtschaftliche Geräte, die auch auf die Opferthätigkeit hinweisen, Holzstösse, gekreuzte Blasebälge, Weinfässer, gekreuzte Urnen und darauf an den Vorderbeinen aufgehängte, en face gesehene Rinder, dabei ein Schlauch, um das Blut zu fassen, zu unterst das Opfertier liegend. Auf dem rechten Flügel ist der Heiland mit Zepter und den Wundmalen vor dem Kreuze ersichtlich; in entsprechender Cartouche steht: TESTAMENTVM NOVVM. Rechts befinden sich, von oben nach unten gesehen, als Embleme: die Stange mit dem Schwamme, das Schwert, an dem das Ohr des Malchus klebt, die päpstliche Tiara mit Schlüssel, zwei brennende Kerzen mit Becher als Beschwerer für ein Messgewand dienend, das Kreuzzeichen, ein Hängekessel mit bürstenartigen Reinigern und drei Würfel. Links, in schön entsprechender Anordnung: Lanzen, wovon eine mit Halbmond, Kessel mit Feuer, Hacke, Bischofshut, zwei Bücher mit Schlössern, zwei Messkännlein auf einer Säule, woran eine Leiter gelehnt ist, die teilweise eine angeheftetes Schweisstuch bedeckt, zu unterst ein Krug, Nägel und Handschuhe. Der ornamentierte Fries oberhalb und unterhalb ist restaurierte Arbeit, hingegen ist der Fuss, bestehend aus zwei tragenden Drachen links und rechts und einem Löwenkopf unter der Mitte, ursprünglich und höchst beachtenswert. Der reich ornamentierte Fries oberhalb der Thüren, den Barockstil typisch repräsentierend, stellt je zwei Tauben unter Granatäpfeln dar. Als Kranz haben wir in Cartouche auf Füllhörnern das Wappen des Stiftspropstes Wolfgang Gibelin mit den Abzeichen des päpstlichen Protonotarius, dem Hut mit der Schnur und den sechs Quasten; links und rechts reichen sich Engelsköpfe, zu äusserst je eine Lyra als Abschluss an; je zwei schräg gestellte Balken rufen die Illusion einer dachartigen Krönung hervor."
Datierung
1631 - 1649
Material / Technik
Nussbaum
Maße
Höhe x Breite x Tiefe : 326.0 x 190.0 x 110.0 cm
Klassifikation
Künstler*innen
Auftraggeber/in: Wolfgang Gibelin (1593 - 1649)
Inventarnummern
1986.0103






















