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Stereoskop-Guckkasten
Beschreibung
Stereoskop-Guckkasten aus Holz mit einem zweiläufigen Kettenlaufwerk mit 50 angelöteten Drahthalterungen für rechteckige Stereo-Glaspositive. Vorne zwei Okulare mit gedrechselter Holzfassung, eines davon mit Ausbruch und eines gespalten. In der Rückseite eine Streuscheibe zur Beleuchtung der Positive. Links und rechts je ein Drehknauf für die Bedienung des Kettenlaufwerks. Oben, zweiflügelige Klappe mit Holzknauf als Zugang zum Laufwerk, vordere Klappe mit Spiegel auf der Innenseite. Die Klappe ermöglicht, die Glaspositive auszuwechseln. Die Vorrsichtung lässt das Wechseln der Glaspositive relativ gut zu, scheint aber nicht für das ständige Auswechsln konzipiert. Das Innere des Kastens ist schwarz angemalt. Ansonsten trägt der Kasten keinerlei Beschriftung oder Markierung. Der Kasten scheint zumindest Marke Eigenbau zu sein. Bilder von vergleichbaren Objekten zeigen meist luxuriösere Bauweisen und mehr Verzierungen, sowie ausgefeiltere Metallarbeiten, und in jeden Fall einen Hinweis auf die herstellende Manufaktur.
Die Linsen sind plankonvexe Glaslinsen (d = 4,5 cm) mit Mitteabstand von ca 7.5 cm. Das rechte Okular wurde augenscheinlich einmal entfernt und die Fassung repariert. Die Linsen zeigen mit der Planseite nach aussen. Das finden der richtigen Tiefe mit den Drehknöpfen, damit das Bild scharf und der 3D-Effekt realistisch wird, ist nicht ganz einfach – besonders bei den Glasplatten, die weder ein dahintergeklebtes Milchglas, noch eine aufgeraute Oberfläche haben.
Die Glaspositive haben alle zwei Aufnahmen, die offenbar von einer doppellinsigen Kamera aufgenommen wurden (oder mit zwei nebeneinanderstehenden Kameras, und die Bilder wurden nachträglich auf die Glasplatten übertragen). Die konsequente Unschärfe auf 2021.0001.064 deutet aber auf eine einzelne Kamera hin.
Durch die Distanz dieser Linsen ergibt sich bei korrektem Abstand (ca. 11 cm zwischen Linse und Bild) ein stereoskopisches 3-D-Bild. Die Belichtungszeit lag wohl je nach Umgebungshelligkeit zwischen 1/20 s (schärfe der vielen Menschen auf 2021.0001.070) und 5 s (Verwaschung bewegtes Wasser auf 2021.0001.081).
Die verwendete Kamera bedurfte wohl einen oder zwei Filme von zumindest ungefähr quadratischem Format. Später wurden diese zwei halben Negative auf die entsprechend beschichtete Glasplatte projeziert, um wiederum das Stereopositiv herzustellen.
Es kann zwischen drei Arten von Glaspositiven unterscheiden werden: a) Pigment auf Normalglas, b) Pigment auf Normalglas mit dahintergeklebter Streuscheibe und c) Pigment auf Milchglas. Warum diese drei verschiedenen Techniken zur Anwendung kamen, wird nicht direkt ersichtlich. Gruppiert man die Positive nach der Technik, taucht eine Vermutung auf: Beispielsweise ist die Reise von Göschenen nach Andermatt und Hospental ausschliesslich auf Glas mit dahintergeklebtem Milchglas zu sehen. Bern, Luzern und die beiden Bilder aus Italien sind direkt auf Milchglas. Wahrscheinlich startete der Fotograf mit einem Satz Glasplatten und einem Glas Milchglasplatten für dahinter. Das Milchglas ging irgendwann aus und war zu teuer oder nicht verfügbar, um die restlichen Positive auf Normalglas zu ergänzen. Als das Normalglas ausging, hatte wohl inzwischen jemand herausgefunden, dass Positive direkt auf Milchglas fast so gute Resultate wie zwei aneinandergeklebte Gläser erzielt. Dass diese neue Technik einen weiteren Vorteil hat, zeigt sich heute: Die Pigmentschicht hält sich auf der aufgerauten Oberfläche des Milchglases besser als auf den klaren Platten.
Die Beschriftung auf der zum Stereoskop gehörenden Lagerkiste (.002) für die Glaspositive ("Ägypten 105 St. / Palästina (45)") lässt darauf schliessen, dass die vorliegenden 88 Glaspositive nicht alle je erstellten ausmachen. In Kombination mit der Aufnahme aus Mailand und Genua könnte es sich um eine Pilgerreise auf der Spur der Heiligen Verena gehandelt haben, die ursprünglich aus Ägypten kam, sich einige Zeit in Mailand aufhielt und dann bis nach Solothurn kam. Dass anschliessend an eine bereits weite Reise noch Palästina mit seinen heiligen Stätten besucht wurde, wäre ebenfalls plausibel.
Datierungshinweise geben verschiedene der vorhandenen Positive: Allen voran die beiden Bilder der Jubiläumsfeier zur Schlacht von Dornach (.070 und .071), die 1899 stattfand sowie die Aufnahme des Schützenfests in Luzern (.045), das 1901 stattfand. Ferner finden sich eine Aufnahme der "Wiege der Eidgenossenschaft" im Nationalsratssaal – dieser wurde erst 1902 eröffnet. Genauer datieren liesse sich auch die Aufnahme St. Ursen Aussenansicht Süd über die Aare (.26), da sich dort ein gerade ein Gebäude an der Rückseite der St. Peter-Kapelle im Bau befindet.
Die Kamera und der Kasten wurden angeblich von einem gewissen Pfarrer Walter gebaut und die Aufnahmen stammen von ihm. Die Aufnahme .031 aus dem Innern des Kapuzinerklosters und die grosse Anzahl kirchlicher Motive würde durchaus dafür sprechen, dass der Fotograf tatsächlich Pfarrer war oder zumindest einen engen Bezug zur katholischen Kirche hatte.
Auf einer der Aufnahmen 2021.0001.010 mit einer Schulklasse ist die zweite Person von links in der oberen Reihe Rosa Hänggi. Sie könnte eventuell auch auf 2021.0001.009 hinten, 3. v. links sein. Sie heiratete Robert Jeger, Postdirektor der Hauptpost von Solothurn. Deren Tochter Elisabeth Jeger (1916-?) ist die Mutter des Schenkers des Guckkastens.
Der Mann auf .004 links ist wohl derselbe wie auf .010 und ist ausserdem auf .082 zu im Hintergrund zu sehen.
Der Junge auf .006 könnte derselbe sein wie auf .003 hinten 1. v li.
.003 und .008 wurden vor dem selben Haus aufgenommen.
Zusammen gehören auch .006, .018, .021 und .022. Sie zeigen alle die selbe Kirche und das selbe Pfarrhaus, auf zweien ist die gleiche Dreiergruppe zu sehen. Unklar ist, ob das Foto des Grabs von Dürholz .024 auch dazugehört. Bauweise von Riegelhaus und Kirche können Hinweise sein, dass der Ort in der katholischen Ostschweiz oder im südlichen Deutschland liegt.
Datierung
um 1900
Material / Technik
Holz, Metall, Glas
Maße
Höhe x Breite x Tiefe : 42.8 x 31.5 x 30.5 cm
Klassifikation
Inventarnummern
2021.0001.001
















