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C. und N., frères Benziger

1798 - 1995
Type
Biography
328 Das Buchdruckzentrum Einsiedeln Detta Kälin Frontispiz und Titelblatt des Andachtsbuches von Cölestin Muff «Die einsiedlische Kapelle der Gnaden. Betrachtungen und Gebete für alle Christen, besonders für dieWallfahrer nachMaria-Einsiedeln» im Verlag Eberle, Kälin & Cie. in Einsiedeln erschienen.Typisches Beispiel für einen der vielen Einsiedler Verlage und Druckereien im 19. Jahrhundert. 329 Als sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach dem Dreissigjährigen Krieg die politische Lage europaweit beruhigt hatte und den begeisterten Sieg des Barocks mit sich führte, stieg auch in Einsiedeln die Zahl der Pilger ins Ausserordentliche. Die vermehrte Nachfrage nachWallfahrtsandenken liess die Auflagen von Andachtsbildern und volksreligiöser Literatur in die Höhe schnellen. Das Kloster Einsiedeln hatte bis anhin Druckaufträge auswärts vergeben, nun aber lohnte sich das Einrichten einer hauseigenen Druckerei, die 1664 eingeweiht wurde. Das Kloster beschäftigte gegen Ende des 18. Jahrhunderts rund 200 Personen, alle aus Einsiedeln und Umgebung. Sie waren in sämtlichen Bereichen der Klosterdruckerei tätig: vom Faktor (verantwortlicher Buchdrucker in leitender Stellung) über den Buchbinder bis zum Ledergerber (für die Buchdeckel) und Goldschmied (für die Buchbeschläge). Mit dem Franzoseneinfall 1798 erlitt auch die Klosterdruckerei einen entscheidenden Einschnitt. Das gesamte Druckereiinventar wurde von der helvetischen Regierung beschlagnahmt, ein Teil der Pressen wurde an die Sauerländerische Druckerei in Aarau verkauft. Als durch die Mediationsakte 1803 das Kloster wieder seinen Betrieb aufnehmen konnte, wurden die noch im Besitz des Direktoriums befindlichen Pressen an das Kloster zurückerstattet. Das Kloster aber sah sich mit anderen wichtigen Aufgaben konfrontiert und verkaufte alles an eine Druckerei nach Zürich. Einsiedeln wird ein Druckereizentrum Vorübergehend sah es so aus, als würde das Druckereigewerbe in Einsiedeln eingehen. Aber mehrere hundert Menschen lebten in Einsiedeln direkt oder indirekt von der Klosterdruckerei. Als diese eingestellt wurde, war es für die imDruckereigewerbe ausgebildeten und hochqualifizierten Einsiedler naheliegend, eigene Verlage, Druckereien und die dazugehörenden Zulieferbetriebe zu gründen. Man darf davon ausgehen, dass das Kloster diese Entwicklungen unterstützte, da es daran interessiert war, im Dorf kompetente Fachleute zu wissen, die für das Kloster Druckaufträge ausführen konnten. In den folgenden Jahrzehnten kam es denn zu zahlreichen neuen Geschäftsgründungen im Bereich des Buchgewerbes. Bis Ende des Jahrhunderts bildeten sich ein Dutzend Firmen neu oder wurden mit wechselnden Firmeninhabern neu formiert. Auch der Benziger Verlag war Teil dieser komplizierten geschäftlichen Verstrickungen. Die Anfänge des Benziger Verlages Eine kleine Gruppe von ehemaligen Klosterangestellten, Franz Sales Benziger, ehemals Faktor der Klosterdruckerei, sein Bruder Ignaz und die ehemaligen Klosterdrucker Franz Zehnder und Johann Baptist Eberle hatten schon zu Beginn der 1790er Jahre den Plan gehegt, ein eigenes, vom Kloster unabhängiges, Handelsgeschäft zu gründen. Sie bildeten ein Konsortium, das am 17. Februar 1792 mit dem Kloster einen Vertrag unterzeichnete, welches ihnen das Recht zum Handel mit Devotionalien erteilte. Aus diesem Konsortium bildete sich in den folgenden Jahrzehnten das Benziger Verlagshaus, weshalb allgemein dessen Gründungsjahr als 1792 angesehen wird. Am 18. Juli 1798, wenige Wochen nach Einmarsch der Franzosen, gründeten Franz Sales Benziger, sein Bruder Karl und Johann Baptist Eberle mit einem Sozietätsvertrag ein erstes Druckereiunternehmen. Eines der grössten Probleme war zunächst das Beschaffen von Infrastruktur, insbesondere das Besorgen einer Druckpresse. Laut Franz Sales Benziger stellten die Sozietäre deshalb die erste Presse selber her. Später gelang es ihnen dann, vom helvetischen Direktorium eine der konfiszierten Klosterpressen von der Sauerländerischen Druckerei in Aarau zurückzuerhalten. Aus privaten Gründen zog sich Karl aus der Druckereifirma zurück, weshalb in einem neuen Gesellschaftsvertrag vom 20. September 1807 nur noch zwei Partner aufgeführt wurden, Franz Sales Benziger und Johann Baptist Eberle. Das Devotionaliengeschäft und der Buchhandel hingegen wurden bis 1816 mit Karl Benziger gemeinsam geführt. Am 13.Mai 1816 trennten sich die gemeinsamen Wege: Karl übernahm jetzt Verlag und Buchhandel allein, während Franz Sales und Johann Baptist Eberle die Buchdruckerei behielten und für Karls Firma die Druckaufträge ausführten. Das Geschäft von Karl Benziger war der erste eigentliche Benziger Verlag. Schon als kaum 18-Jährige liess Karl seine zwei Söhne Karl (1799–1873) und Nikolaus (1808–1864) ins Geschäft eintreten. Ihre Erziehung war ganz auf ihre spätere Mitarbeit ausgerichtet worden. So mussten beispielsweise beide Kinder über ihre Sackgeldausgaben Buch führen und dem Vater darüber Bericht erstatten. Der Vater scheute keine Kosten, um beiden Söhnen die bestmögliche kaufmännische Ausbildung und beachtliche Sprachkenntnisse zu ermöglichen, die sie auf das Verlagsgeschäft vorbereiten sollten. 330 Konkurrenz im Dorf Neben dem Verlag der Gebrüder Benziger gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Einsiedeln noch fünf weitere Firmen, die sich direkt mit Buchdruck befassten: 1. Die Firma Johann Baptist Eberle zum Runden Thurm. Eberle war der einstige Teilhaber der 1798 errichteten Firma Benziger und Eberle. 2. Die Druckerei von Sales Benziger zum Weinhahn. Sales (II) Benziger, Sohn des Stiftsfaktors Franz Sales, richtete 1830 eine eigene Druckerei ein. 1851, kurz vor seinem Tod, verkaufte er sein Geschäft an die Gebrüder Karl und Nikolaus Benziger. 3. Die Druckerei Marianus Benziger zur Luegeten. Sie wurde 1830 von Marianus Benziger, einem weiteren Sohn von Stiftsfaktor Franz Sales, in seinem Haus auf der Luegeten errichtet. 1862 übergab er die Druckerei seinem Sohn Sales (IV), der sie von da an unter dem Namen Sales Benziger weiterführte. Nach dessen Tod wurde sie 1893 von einer Kollektivgesellschaft übernommen, die die Firma in Druckerei des Einsiedler Anzeigers umtaufte. Der «Einsiedler Anzeiger» selbst war schon am 12. November 1859 von Marianus Benziger gegründet worden. 4. Die Firma Thomas Kälin zum Sternen. Auch diese Firma, 1829 gegründet, hatte keinen langen Bestand. Sie wurde schon 1834 von den zwei Einsiedler Buchdruckern Meinrad Kälin und Konrad Kuriger aufgekauft, der die Druckerei unter dem Namen Kuriger & Co weiterführte. 5. Die Steindruckerei (Lithografie) der Gebrüder Kälin zum St. Benedikt. 1833 übergab Karl Benziger das Verlags- und Buchhandelsgeschäft seinen Söhnen. Unmittelbar nach der Geschäftsübernahme begannen die jungen Geschäftsinhaber mit einer tiefgreifenden Umwälzung sowohl des Verlages als auch des Arbeitsmarktes in Einsiedeln. Karl und Nikolaus Benziger gingen in ihrer Geschäftspolitik forsch vor. Ihr Der Benziger Verlag konnte sich jahrzehntelang nicht entscheiden, eine moderne Fabrikationsanlage zu bauen und produzierte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein an 8 verschiedenen Standorten in und um Einsiedeln. Ziel, der erste Verlag am Platz und in der Schweiz zu werden, verfolgten sie systematisch. Ihre Strategie bestand zunächst darin, sämtliche Konkurrenz in Einsiedeln zu beseitigen, indem sie alle Betriebe, mit Ausnahme der späteren Druckerei des «Einsiedler Anzeigers» von Marianus Benziger, aufkauften. Gleichzeitig und noch im gleichen Jahr der Geschäftsübernahme, richteten sie eine eigene Druckerei ein, die rasch ausgebaut wurde. Von da an ging es mit dem Geschäft rasant aufwärts. Mitte des Jahrhunderts hatte der Benziger Verlag bereits rund 200 Andachtsbücher herausgegeben. Der Bilderkatalog umfasste rund 150 Bilder, die in verschiedenen Grössen und Ausführungen vorlagen. 1840 kam der erste «Einsiedler Kalender» heraus, ab 1866 die Familienzeitschrift «Alte und NeueWelt», die um 1900 die sagenhafte Auflage von 70’000 erreichte. Die früh angelegte Rechnung des Vaters war aufgegangen: Schon um 1860 war derVerlag Karl und Nikolaus Benziger einer der renommiertesten Bilder- und Buchverlage mit Filialen in Deutschland, Frankreich und den USA geworden. Einsiedeln etabliert sich mit dem Benziger Verlag als Buchdruckzentrum Der Personal- und Maschinenbedarf für diese Menge und Qualität an Druckerzeugnissen war gewaltig: Für den Buchdruck arbeiteten Mitte des Jahrhunderts bereits 20 Pressen. 1845 wurde eine Buchdruckschnellpresse von Koenig und Bauer erworben, damals Inbegriff modernster Spitzentechnologie. Besonderes Gewicht hatte der Kunstdruck mit der Herstellung von Andachtsbildern. So wurde bereits 1835 eine Lithografie- und Kolorieranstalt eingeführt. Dann folgte 1844 die Stereotypie, 1847 die Pariser- und Gipsstereotypie. 1856 begann man mit dem Stahl- und Kupferdruck, 1858 mit der Galvanoplastik, 1863 folgte die Zinkografie. Eine drucktechnische Revolution brachte um 1860 die 1837 erfundene Chromolithografie, mit der es erstmals möglich wurde, in grossen Auflagen maschinell farbig zu drucken. In dieser Zeit wurden 90 Buchbinder beschäftigt, sieben lithografische Zeichner, sieben Stahlstecher und an die 180 Bilderkoloristen. Das gesamte Personal betrug ungefähr 500 Angestellte, Frauen wie Männer aus Einsiedeln. Der Benziger Verlag war bis in die 1980er Jahre einer der wichtigsten Arbeitsgeber Einsiedelns. Nach dem Niedergang der Firma Ende der 1980er-Jahren wurden die noch erhaltenen Buch- und Bilderbestände sowie das Firmenarchiv eingelagert. Das gesamte Archiv umfasst rund 1000 Regalmeter und ist heute Eigentum der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln (www.fram.einsiedeln.ch). Literatur – Lienhart-Schnyder B., Beiträge zur Geschichte der Benziger in Einsiedeln und der ersten Buchdruckerei im Dorfe, Einsiedeln 1971. – Benziger Charles, Geschichte des Benziger Verlages (unveröffentlichtes Manuskript). – Keckeis Peter, Benziger Verlag 1792–1967, Einsiedeln 1967. 331